
Irgendwann am Anfang der belgischen Quarantäne setzte ich mich in einen ICE nach Berlin. Dort erst einmal Kulturschock. Corona schien in meiner Heimat hauptsächlich als mediales Phänomen zu existieren.
Das änderte sich mit der Zeit. Geschäfte schlossen. Eine Maskenpflicht im ÖPNV wurde eingeführt. Teilweise auch befolgt. In Neukölln ging das Leben seinen gewohnten Gang. In Mitte herrschte Ruhe. Die Sonne schien. Das Virus als perfekter Ersatz um nicht über das Wetter sprechen zu müssen.
"Und wie ist es in Belgien?"; "Laut Virologen kommt bald eine zweite Welle."; "Voll die coole Maske, wo hast du die her?".


Wo die belgische Polizei die Menschen täglich aus dem Park vertrieben hatte, fuhr sie in Berlin höchstens vorbei und guckte kritisch. Natürlich gab es Ausnahmen. Gerüchte von hohen Geldstrafen machten die Runde.
"Bekannte von der Schwester meines Kumpels wurden anscheinend von der Polizei in einem Park (weiß nicht genau welcher) erwischt. Sie waren eine größere Gruppe, plus Musikanlage. Jeder musste wohl 2500 Euro zahlen. Oder waren es nur die Veranstalter? Ich muss nochmal nachfragen" "Krass."

Irgendwann öffnete der Einzelhandel wieder seine Pforten. Der Verkehr nahm merklich zu. Hatte man sich in der Zeit der strikten Maßnahmen noch nach etwas Normalität gesehnt, kehrte sich dieses Verlangen jetzt ins Gegenteil um. Wie schön war doch die Ruhe gewesen. Die Luft so sauber und die Stadt so friedlich.


Die Wahrnehmung der Seuche unterschied sich stark von Person zu Person. Viele Leute die auf Grund des Virus quasi nicht aus dem Haus gingen, schienen die Situation als gefährlicher einzuschätzen als jene, die weiterhin viel vor die Tür gingen.
Wie gefährlich ist Corona? Symptome, Todesrisiko und Ansteckungsgefahr waren beliebte Themen. Unterschiedliche Quellen verkündeten unterschiedliche Meinungen. Der generelle Konsens war wohl noch am ehesten, dass Covid-19 überhaupt existiert.
Doch selbst darüber herrschte Uneinigkeit, radelte ich doch eines Tages über den Alex und geriet zufälligerweise in eine Versammlung hinein. Vorerst war Unklar was überhaupt vor sich ging. Gruppen von Einsatzpolizisten standen herum. Männer mit Fotokameras schlichen umher. Ein einsamer Hare-Krishna Akolyt bimmelte mit einem Glöcken. Vor dem Kaufhof drehte eine Gruppe Skinheads Däumchen.

Es herrschte eine ratlose Stimmung. So als ob niemand wirklich wüsste was gerade hier los wäre und warum man sich überhaupt auf dem Alex befände. Schließlich sah ich sie. Zwei Männer auf dem obersten Wasserspeiers des Brunnens der Völkerfreundschaft. Einer mit Deutschlandfahne und der Andere mit einem Pappschild. Handgeschriebene Botschaft: Gates noch?
Ich hatte genug gesehen und fuhr weiter.

Schlussendlich öffneten auch die Kneipen wieder. Dies begann mit einem Berliner Sakrileg: Der Einführung einer Sperrstunde. Die orthodoxen Kräfte der Stadt erwiesen sich aber wohl als zu stark, wodurch auch diese bald wieder abgeschafft wurde. Von da an war von Corona in der Öffentlichkeit nicht mehr viel zu merken. Als letztes Mahnmal blieb die Maskpenflicht im Nahverkehr und Einzelhandel bestehen.




Die Zeit für meine Rückkehr nach Brüssel war gekommen. Ich stieg wieder in einen ICE und verließ Berlin. Fast drei Monate waren vergangen.
Ich passierte die belgische Grenze ohne jegliche Kontrolle. Schwüle Hitze am Gare du Midi. Ich war wieder zurück. Zusammen mit meinem Mitbewohner schleppte ich mein Gepäck nach Hause und ging schlafen. Traumlos.
Worte und Bilder / Text and Images
