Stadt von unten. Ich habe meine Digitalkamera wieder ausgepackt. Auch wenn es in letzter Zeit den Anschein gehabt hat: Ich bin kein militanter Analogverfechter. Das wäre auch eine etwas merkwürdige Position wenn man in Betracht zieht, dass alle auf diesem Blog präsentierten Fotos auf Grund der Natur des Mediums digital sind. Egal ob ihr Ursprung in einem Negativ oder einer elektronischen Sensormatrix liegt.
Analoge Fotografie scheint ein Comeback zu erleben. Zumindest wenn man die erhöhte Medienaufmerksamkeit in Betracht zieht, die Filmfotografie zur Zeit erfährt. Vielleicht sehnen sich die Leute nach mehr visueller Authentizität im Zeitalter der digitalen Bilderschwemme und meinen diese in Negativscans zu finden. Vielleicht mögen sie auch einfach den Look.
Ich für meinen Teil mag die Arbeitsweise und das Resultat von Film aber verabscheue den Preis. Filmfotografie ist ein monetäres Loch ohne Boden. An den Nagel hängen werde ich sie trotzdem nicht.
Die Kamera guckt nach oben. Ich gucke zur Seite. Das ganze hat etwas unmoralisches und verstohlenes. Aber trage ich mit diesen Fotos wirklich dazu bei die Privatsphäre der fotografierten Leute zu erodieren? Oder haben sie das als an der technisch und sozial vernetzten Gesellschaft Teilhabende nicht schon längst selbst getan?
Ich würde zumindest den Standpunkt vertreten, dass eine Fotografie in einem Kontext wo sämtliche private Kommunikation und Informationen von staatlichen und privaten Organisationen eingesehen werden können eigentlich noch das geringste Übel ist. Zumindest hinsichtlich der Verletzung der Privatsphäre.
Aus jedem Foto eines Menschen lässt sich etwas über die abgebildete Person ablesen. Die aus diesem Bild gewonnene Information wird ohne einen Informationskontext,wie z.B. einer Bildunterschrift, aber immer vage bleiben. Wer ist dieser Mensch? Was ist ihr Beruf? Woher kommt sie? Was sind seine kulinarischen Vorlieben? Man mag je nach Bild eine Antwort geben können die der Realität sogar nahe kommt. Letztendlich kann das Foto aber nicht sprechen. Es bleibt stumm.
Natürlich hat ein Foto immer einen Kontext. Bilder schweben nicht einfach so in der Leere und erscheinen plötzlich vor uns. Wenn doch würde ich dringend einen Arztbesuch anraten.
Der Kontext der hier publizierten Fotos ist mein Blog. Ich werde absichtlich nichts über die auf diesen Fotos abgebildeten Menschen verraten. Ich weiß ehrlich gesagt auch nichts über sie, außer dass sie sich zu einem bestimmtem Zeitpunkt vor meinem Objektiv befunden haben.
Ein Foto wird oft umso interessanter umso weniger man über seine Entstehungsumstände weiß. Es kann für sich selbst sprechen und bietet so den meisten Spielraum für die Interpretation des Betrachtenden. Meiner Meinung nach.
Natürlich ist diese Art von Argumentation fadenscheinig. Zumindest wenn sie als Rechtfertigung für die Nichtverletzung der Privatsphäre der abgebildeten Personen dient. Auch wenn die in Fotos enthaltenen Informationen nicht über sich selbst herausweisen können, sind auf diesen Bildern trotzdem Menschen mit einem staatlich festgelegten Recht auf Privatsphäre zu sehen.
Ein Richter wird sich durch semiotische Argumente nicht beeindrucken lassen.
Warum trotzdem Fotos von Unbekannten im Internet publizieren? Eine gute Frage. Ich kann sie nur mit einem Verweis auf meinen persönlichen Schaffensdrang beantworten. Letztendlich formen sie einen Teil dieses Blogposts und haben mir die vorangegangenen Überlegungen ermöglicht.
Deshalb: Danke liebe unbekannte Menschen.
Worte und Bilder / Text and Images
